Zum ersten Mal seit Beginn der Erhebung wollen sich mehr Mittelständler ohne Nachfolgelösung aus ihrem Unternehmen zurückziehen, als eine Übergabe planen. 114.000 Stilllegungen stehen rund 109.000 geplanten Nachfolgen pro Jahr gegenüber (KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026). Was diese Verschiebung für Unternehmer bedeutet, die in den nächsten Jahren übergeben wollen.
Die Zahlen: drei Institute, drei Blickwinkel
Wer sich mit der Nachfolgesituation in Deutschland beschäftigt, stößt auf Zahlen, die weit auseinanderliegen. Das liegt nicht an Fehlern, sondern an unterschiedlichen Abgrenzungen. Ein Überblick über die drei wichtigsten Quellen:
| Quelle | Zeitraum | Kernzahl | Zählweise |
|---|---|---|---|
| KfW Research Fokus Nr. 526, Jan. 2026 |
bis Ende 2029 | 545.000 geplante Nachfolgen (ca. 109.000 pro Jahr) |
Befragung von über 13.000 Unternehmen nach ihren Absichten |
| IfM Bonn Daten und Fakten Nr. 37, 2025 |
2026 bis 2030 | 186.000 übergabereife Unternehmen (ca. 37.000 pro Jahr) |
Schätzung anhand von Alters- und Unternehmensstruktur, nur übertragungswürdige Betriebe |
| DIHK Report Unternehmensnachfolge 2025 |
Datenjahr 2024 | 9.636 Beratungen mit Abgabewilligen gegen 4.016 Interessenten |
Tatsächliche IHK-Beratungsfälle, kein Hochrechnungsmodell |
Die Spannweite zwischen 37.000 und 109.000 jährlichen Nachfolgen ist kein Widerspruch: Die KfW fragt, wer übergeben möchte. Das IfM Bonn schätzt, welche Unternehmen wirtschaftlich übergabefähig sind. Wer eine Zahl zitiert, sollte die Zählweise mitnennen — sonst entsteht ein falsches Bild.
Der Kipppunkt: mehr Schließungen als Übergaben
Die eigentliche Nachricht des KfW-Monitorings 2025 steckt nicht in der Gesamtzahl, sondern im Verhältnis. 545.000 Inhaber planen eine Nachfolge. 569.000 planen den Rückzug ohne Nachfolgelösung. Pro Jahr sind das rund 114.000 Stilllegungen gegen 109.000 Übergaben.
Das ist neu. In den Vorjahren lagen die Nachfolgewünsche vorn. Die Verschiebung hat drei Treiber, die sich gegenseitig verstärken:
Demografie
57 % der Mittelstands-Inhaber sind 55 Jahre oder älter — ein Plus von 3 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Vor 20 Jahren lag der Anteil bei rund 20 %. Die Übergabewelle ist keine Prognose mehr, sie läuft.
Fehlende Nachfolger in der Familie
47 % derjenigen mit Stilllegungsabsicht geben an, in der Familie kein Interesse zu finden. Die klassische Übergabe an Sohn oder Tochter trägt nicht mehr durch.
Bürokratie
42 % nennen bürokratischen Aufwand als Hemmnis — ein Sprung um 12 Prozentpunkte und der höchste je gemessene Wert. Für kleinere Betriebe kippt damit die Aufwand-Nutzen-Rechnung.
Was das für Verkäufer konkret heißt
Aus den Zahlen des DIHK lässt sich das Marktverhältnis direkt ablesen: Auf einen Übernahmeinteressenten kommen 2,4 Abgabewillige. Über 5.620 Unternehmen fanden 2024 keinen einzigen Interessenten. Die Lücke hat sich seit 2019 nahezu verdoppelt.
Für Unternehmer, die übergeben wollen, verschiebt das drei Dinge:
- Vorlaufzeit wird zum Wettbewerbsfaktor. Wer erst mit 68 anfängt, verhandelt aus der schwachen Position. Ein strukturierter Verkaufsprozess dauert 12 bis 18 Monate; die Vorbereitung des Unternehmens auf die Verkaufsfähigkeit braucht oft zwei bis drei Jahre davor.
- Verkaufsfähigkeit schlägt Rendite. Ein profitables Unternehmen, das vollständig am Inhaber hängt, ist schwerer verkäuflich als ein weniger profitables mit funktionierender zweiter Führungsebene. Käufer kaufen Fortführbarkeit, nicht nur Zahlen.
- Breite der Ansprache entscheidet über den Preis. Ein einzelner Interessent diktiert. Drei ernsthafte Bieter verhandeln gegeneinander. In einem Markt mit Käuferüberhang ist das der wirksamste Hebel auf den Kaufpreis.
Die Preisfrage
Der durchschnittlich angestrebte Verkaufspreis für Übergaben zwischen 2025 und 2029 liegt bei rund 499.000 Euro, der Median bei 375.000 Euro (KfW Research 2026). Gegenüber 2019 ist das nominal ein Plus von 34 %, preisbereinigt 9,5 %.
Diese Zahlen beschreiben die Erwartung der Verkäufer, nicht die realisierten Preise. Der DIHK-Report nennt überhöhte Kaufpreisvorstellungen regelmäßig als eines der häufigsten Hindernisse auf Verkäuferseite. Die Lücke zwischen Wunsch und Markt zu schließen, ist in der Praxis der schwierigste Teil jeder Nachfolgeberatung — und der, an dem die meisten Prozesse scheitern, bevor sie begonnen haben.
Wer eine belastbare Einschätzung sucht, beginnt bei einer sauberen Bewertung: Methoden und Multiples im Mittelstand und die EBITDA-Bandbreiten nach Branchen geben den Rahmen vor.
Regionale Unterschiede
Das IfM Bonn weist für 2026 bis 2030 deutliche regionale Spannen aus: In Niedersachsen stehen rund 61 Übertragungen je 1.000 Unternehmen an, in Berlin rund 40. Baden-Württemberg liegt mit seiner industriellen Struktur und dem hohen Anteil inhabergeführter Familienunternehmen im oberen Feld.
Für den Südwesten kommt eine Besonderheit hinzu: Viele der betroffenen Betriebe sind technologisch stark aufgestellte Nischenanbieter — Werkzeugmaschinen, Präzisionsmechanik, Automatisierungstechnik. Diese Unternehmen sind für strategische Käufer und Beteiligungsgesellschaften attraktiv, auch über die Region hinaus. Die Nachfolgelücke ist hier weniger ein Käufer- als ein Vermittlungsproblem: Angebot und Nachfrage finden sich nicht, weil die Ansprache zu eng bleibt.
Was sich daraus ableiten lässt
Die Nachfolgelücke ist kein kurzfristiger Effekt. Sie folgt der Altersstruktur des Mittelstands und wird sich über die nächsten Jahre eher verschärfen. Drei Schlussfolgerungen:
- Der Zeitpunkt zu beginnen ist früher, als die meisten denken. Die KfW-Daten zeigen: Wer erst handelt, wenn der Ausstieg ansteht, ist statistisch bereits im Nachteil.
- Stilllegung ist selten die wirtschaftlich beste Option. Sie vernichtet den Substanzwert, kostet Arbeitsplätze und bringt dem Inhaber typischerweise weniger als ein strukturierter Verkauf — auch bei kleineren Betrieben.
- Der Markt belohnt Vorbereitung härter als früher. In einem Käufermarkt entscheidet nicht, wer verkaufen will, sondern wer verkaufsfähig ist.
Häufige Fragen
Wie viele Unternehmensnachfolgen stehen in Deutschland an?
Rund 545.000 mittelständische Unternehmen planen bis Ende 2029 eine Nachfolge, das sind etwa 109.000 pro Jahr (KfW Research, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026). Das IfM Bonn rechnet für 2026 bis 2030 mit rund 186.000 übergabereifen Unternehmen. Der Unterschied liegt in der Zählweise: Die KfW erfasst Absichten, das IfM schätzt die wirtschaftlich übertragungswürdigen Betriebe.
Warum finden so viele Mittelständler keinen Nachfolger?
Die KfW nennt drei Hauptgründe: fehlendes Interesse in der Familie (47 % der Stilllegungswilligen), Bürokratie (42 %, ein Anstieg um 12 Prozentpunkte) und die demografische Lage — 57 % der Inhaber sind 55 Jahre oder älter. Der DIHK-Report zeigt zusätzlich das strukturelle Ungleichgewicht: 2,4 Abgabewillige je Interessent.
Was bedeutet die Nachfolgelücke für Verkäufer?
Der Markt hat sich zugunsten der Käufer gedreht. Wer verkaufen will, konkurriert mit mehr Anbietern um weniger Interessenten. Entscheidend sind Vorlaufzeit, Verkaufsfähigkeit und die Breite der Käuferansprache. Details zum Ablauf finden Sie im Leitfaden Unternehmensnachfolge im Mittelstand.
Welchen Kaufpreis erwarten Mittelständler im Durchschnitt?
Für Übergaben zwischen 2025 und 2029 liegt der angestrebte Verkaufspreis im Durchschnitt bei rund 499.000 Euro, der Median bei 375.000 Euro (KfW Research 2026). Das sind Erwartungswerte der Verkäufer, keine realisierten Preise.
Quellen und Stand
Stand: 23. September 2026. Autor: Andreas Fischer, CEO der ORBITON Holding GmbH, Lahr/Schwarzwald.
- KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025, Fokus Volkswirtschaft Nr. 526, Januar 2026 (Basis: über 13.000 befragte Unternehmen, Februar bis Juni 2025)
- DIHK: Report Unternehmensnachfolge 2025, Datenjahr 2024 (Basis: über 50.000 Kontakte aus IHK-Beratungen)
- IfM Bonn: Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030, Daten und Fakten Nr. 37, 2025
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung im Einzelfall. Eine steuerliche Beratung im Sinne des Steuerberatungsgesetzes erfolgt nicht.